Heinz Siegert: Teil 2 der Geschichte des DDR-Motorsport-Idols


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Der Wechsel von den späten 1980ern in die frühen 1990er-Jahre war ein Zeitraum, der auf ewig mit dem wehenden Mäntelchen der Geschichte bekleidet sein wird. Zu Recht. Ein Umstand, der im Großen für das wiedervereinigte Deutschland, aber auch im Einzelnen, wie in diesem Falle für Heinz Siegert, galt. Lesen Sie deshalb heute den zweiten Teil der ebenso spannenden wie rasanten Geschichte des letzten DDR-Motorsportmeisters und heutigen Inhabers einer KÜS-Prüfstelle. Zunächst noch ein Blick hinter den „Eisernen Vorhang“ und das dortige Renngeschehen vor dem Mauerfall.

2016-02-22-0002 KopieDa in den 1960er-Jahren bei unternationalen Rennen auf dem Sachsenring oder dem legendären Schleizer Dreieck immer öfter Fahrer vom „Klassenfeind“ gewannen, schottete sich der DDR-Motorsport zu Beginn der 1970er-Jahre zunehmend vom Westen ab. Die Formel 3 wurde 1972 ganz verboten. Berichtet wurde nur noch über die Läufe mit der „Rennpappe“, dem Trabi. Die in zwei Leistungsklassen unterteilten Formelklassen wurden kaum berücksichtigt. „Das war zu westlich. Da wurde höchstens der Sieger mal erwähnt.“

Siegert, als Kfz-Meister Fuhrparkleiter einer Leipziger Klinik, erhielt für seine Auslandseinsätze eine Freistellung, nachdem er ein Attest über „politische Unbedenklichkeit“ erhalten hatte. Rückblickend sagt er heute: „Ich war nie in der Partei gewesen, habe immer den Mund gehalten. Sonst wäre es mit dem Motorsport vorbei gewesen.“

Wir hängen gebannt an seinen Lippen, wenn er von Fahrten mit der DDR-Auswahl zu Rennen hinter dem Eisernen Vorhang erzählt: Davon, dass der Tross mit Zugfahrzeug und dem 115 PS starken „Formel Easter“ hinten drauf stundenlang an der russischen Grenze warten musste. „Die hatten nachts einfach das Tor zugemacht. Von wegen durchwinken.“ Oder wenn er mit plastischen Worten und Gesten zum Besten gibt, unter welchen Umständen im bitterarmen Rumänien seinerzeit mangels professioneller Rundkurse auf öffentlichen Straßen Rennen gefahren wurden.

Siegert 30„Das konnte sich schon damals in der DDR, geschweige denn heute in Deutschland kein Mensch vorstellen, unter welchen Umständen dort Motorsport betrieben wurde.“ Aber, und das betont er ganz bewusst: Die Leute, die dort dafür gesorgt hätten, dass ein einigermaßen fairer Vergleich in Sachen Motorsport möglich gewesen sei, waren Idealisten. Idealisten in Sachen Motorsport. „So wie wir auch. Und sie haben das Beste im Rahmen ihrer geringen Möglichkeiten gemacht.“

So mussten in Rumänien beispielsweise für die Dauer des Rennens die Eisenbahnschwellen auf der Straße notdürftig zugeklebt werden. „Wir standen schon in der Startaufstellung, die Motoren liefen schon, da sind die Hunde noch über die Rennstrecke gelaufen.“ Und auch für das gesamte Team sei es ein Ausflug ins sozialistische Bruderland unter besonderen Verhältnissen gewesen.

 „Nebenbei mussten alle noch aufpassen, dass uns der Sprit nicht geklaut wurde. Sonst hätten wir da gestanden und wären nicht mal mehr nach Hause gekommen.“

Aber irgendwann hatte der verwaltete Mangel, auch der Sozialismus und die DDR ein Ende. Und für Heinz Siegert kam die Gelegenheit, ohne dass er es hätte selbst herbei führen können, ein Stück innerdeutscher Sportgeschichte zu schreiben. Fünf Tage vor dem Termin, der seitdem in allen Schulbüchern steht. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Am 4. November wurde Heinz Siegert nationaler Motorsportmeister der DDR. In der sogenannten „Formel Easter“. Er war der letzte seiner Art in einem Land, das danach von der Weltkarte verschwinden würde.

Heinz und Beate Siegert nahmen in der Folge die Herausforderung Gesamtdeutschland auf allen Ebenen an. Sein Name hatte Gewicht, der damals Beste seiner Zunft zwischen Ostsee und Erzgebirge verfügte schon in den frühen 1990er-Jahren nicht nur über exzellente fahrerische Fähigkeiten. Der Kfz-Meister hatte das, was man ein funktionierendes Netzwerk nennt. Und er nutzte es.

Siegerts Künste hinter dem Volant verbanden sich mit seinem technischen Verständnis, seinem Willen, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Im Dresdener Tec Melkus Team bewegte er einen 260 PS starken BMW M3 in der Deutschen Tourenwagen-Trophy. Viele Konkurrenten aus DDR-Zeiten, zu denen er seinerzeit (offiziell verbotene) freundschaftliche Beziehungen aufgebaut hatte, wurden jetzt zu Ratgebern und Türöffnern. Mit viel Geduld und „Strippenzieherei“ begann sich die über 20-jährige Erfolgsgeschichte des Heinz Siegert auszuzahlen. Er fuhr Gastrennen im Ford Fiesta Cup und im Porsche Cup. In Zusammenarbeit mit dem Porsche-Zentrum Leipzig war er im Langstreckenpokal unterwegs.

Und schließlich hatten es ihm die historischen Rennfahrzeuge angetan. 2005 und 2006, damals schon Mitte fünfzig, wurde er Meister im ADAC Historic Cup. Mit seinem eigenen Team und eigenem Bus ist er heute als „Familienunternehmen“ im Motorsport unterwegs. Und das nicht nur auf nationalen Rennstrecken. Der Bazillus Autorennen, der ihn vor fast einem halben Jahrhundert unheilbar angesteckt hatte, treibt ihn auch heute noch an.

2016-02-26-0001 KopieAber Heinz und Beate Siegert haben auch ihren Namen mit Geschick, Sachverstand und Voraussicht vermarktet und sich eine berufliche Existenz geschaffen. Schon früh machte sich der Kfz-Meister Siegert als Sachverständiger selbstständig. Er leitete zudem Fahrsicherheits-Trainings. In seiner Heimatstadt Leipzig gab er im neu gegründeten Motorsportclub sein Wissen an den Nachwuchs weiter.

„Ich habe das Ende der DDR nicht als das Ende meiner Karriere, sondern als Chance für mich und meine Familie gesehen. Auch wenn Vieles zu Anfang neu und nicht einfach war.“

Sein Behauptungswille, der sich in vielen zähen Auseinandersetzungen auf der Rennstrecke durchgesetzt hatte, machte sich nach der Wende auch im beruflichen Existenzkampf als positive Droge bemerkbar. Deutliches Zeichen für den größten Sieg von Heinz Siegert, seiner Frau und seinen beiden Kindern ist das eigene Anwesen mit dem großen KÜS-Logo. Mit diesen charakterlichen Merkmalen und seinen fahrerischen Fähigkeiten steht er auch für die sprichwörtliche DNA der KÜS. Ein Mensch, eine Familie, mit Sympathie und Sachverstand.

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