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Brückenbau: Beschleunigung durch das Lego-Prinzip


Fertigbauteile und andere Standards in den Niederlanden

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Mit Brücken kennen sich die Niederländer aus. Wer gefühlt die Hälfte seiner Staatsfläche unterhalb des Meeresspiegels hat, muss auch wissen, wie er die unzähligen Kanäle überwindet. Und nicht nur die, denn Schnellstraßen mit Überführungen gibt es im westlichen Nachbarland ja auch. Bei Neu- und Ersatzbauten legen die Holländer ein enormes Tempo an den Tag. So konnte sich eine Delegation aus Nordrhein-Westfalen in diesem Sommer eine Brücke über die Autobahn A15 bei Rotterdam ansehen, die binnen drei Monaten für den Verkehr freigegeben worden war – einschließlich des Abrisses der alten Überführung, die für die jetzt sechsspurige A15 nicht mehr ausreichte. Bei uns, so schätzt Ahmed Karroum, Abteilungsleiter Konstruktiver Ingenieurbau beim Landesbetrieb Straßen.nrw in Gelsenkirchen, wären hierfür je nach Bedingungen sechs bis zwölf Monate nötig gewesen. Vielleicht auch mehr.

Bruecke Niederlande

Bereits drei Monate nach dem Beginn des Abrisses der Vorgänger-Brücke rollten die ersten Fahrzeuge über das neue „Groenedijk-Viaduct“ bei Rotterdam.

Das begeistert NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD), der die Delegation anführte. Entsprechend gab er die Parole aus, in seinem Bundesland nach Objekten zu suchen, an denen die niederländische Bauweise in einem Pilotprojekt getestet werden könnte. Baubeginn wird vermutlich Ende 2016/Anfang 2017 sein.

Die Niederländer bauen nach eigenem Bekunden 80 Prozent ihrer Brücken in Fertigbauweise – etwas respektlos auch „Lego-Prinzip“ genannt. Dabei kommt ihnen sicherlich die Vielzahl ihrer Grachten zugute. Die Fertigbauteile – möglichst standardisiert unter idealen Bedingungen in Hallen und damit geschützt vor Wind und Niederschlägen produziert – können meist auf dem Wasserwege nah an ihren Bestimmungsort gebracht werden. In NRW müsste dagegen meist der Landweg gewählt werden, der aufgrund immer mehr maroder, gewichtsbeschränkter Brücken ständig schwieriger wird.

Auch im NRW-Brückenbau werden Fertigteile eingesetzt, erläutert Karroum, allerdings in weit geringerem Maße. „Bei Brücken über 35 Meter dürfen wir gar keine Fertigteile einbauen, bzw. brauchen die Zustimmung vom Bund im Einzelfall“. Für die Leverkusener Rheinbrücke käme das niederländische Modell ohnehin nicht infrage. „Große Spannweiten bauen wir weiterhin mit Stahl“, erklärt der Fachmann, „allein schon aus Gewichtsgründen.“

Selbst die Brückenfeiler kommen in den Niederlanden fix und fertig an die Baustelle. Lediglich die Fundamente und die Widerlager werden mit sogenanntem Ortbeton gegossen. Straßen.nrw dagegen setzt überwiegend auf das Betongießen vor Ort. Das dauert natürlich mit Einrichten der Schalung, Aufbau der Bewehrung und dem Aushärten des Baustoffes.

In Deutschland werden Brücken auf eine Lebensdauer von 80 bis 100 Jahren ausgelegt, in den Niederlanden auf 30 bis 40.

Auf wenig Begeisterung stößt das Lego-Prinzip bei der Ingenieurskammer Bau NRW. Die Fugen zwischen den Bauteilen seien Schwachstellen, in die Wasser und Streusalz eindringen könne, warnt Präsident Heinrich Bökamp. Vielleicht muss man sich von diesem Zeitraum verabschieden, wie die Leverkusener Rheinbrücke zeigt. Sie wurde in den 1960er-Jahren vierspurig für 30.000 Fahrzeuge plus Zukunftszuschlag von 10.000 Fahrzeugen pro Tag geplant. Heute rollen auf sechs Streifen täglich 130.000 Fahrzeuge darüber.

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