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Zittauer Fastentücher: Zeugnisse mittelalterlichen Glaubens


Augenfasten zu Ostern

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 Sie betraten die Kirche voller Ehrfurcht. Sie waren vom Fasten geschwächt, doch voller Hoffnung und Vorfreude. Noch war ihnen der Blick auf den Altar verwehrt. Ein großes Leinentuch hing von der Kirchendecke herab und verdeckte den Gekreuzigten und den gesamten Altarraum. Auch die Augen sollten fasten. Alles war eine Vorbereitung auf das Osterfest. Geist und Leib bereiteten sich vor, indem sie darbten. Und dann endlich: Ostern. Mit der Auferstehung des Herrn feierten sie gemeinsam die Hoffnung auf das Leben. Auf einmal war alles klar zu erkennen. Das Fastentuch gab den Blick wieder frei.

Fastentücher, von den Zeitgenossen auch Hunger-, Palm- oder Passionstücher genannt, waren seit dem Mittelalter ein wesentliches Element der religiösen Praxis. Zunächst waren es sehr einfache Tücher in Weiß oder Violett, den liturgischen Farben für Trauer, Buße und Fasten. Später verwandelten sie sich in wahre Kunstwerke auf denen biblische Geschichten in Bildern erzählt wurden. Mit der Reformation veränderte sich die Frömmigkeit der Menschen und sie wurden kaum noch genutzt. Das Wissen darüber ist spärlich. Textilien nach so langer Zeit meist zerfallen.

Von den bildreichen Fastentüchern, genannt der Feldertyp, und dem zweiten Typ, genannt „Arma-Christi“ (da sie die Leidenswerkzeuge zeigen) haben sich wenige Exemplare erhalten. Wer diese Zeugnisse mittelalterlichen Glaubens betrachten möchte, dem sei eine Reise in die sächsische Stadt Zittau empfohlen. Denn der Zufall wollte es, dass in Zittau ein 56 Quadratmeter großes Tuch mit biblischen Geschichten und ein rund 15 Quadratmeter großes „Arma-Christi-
Tuch“ erhalten blieben.

Das 1472 angefertigte Große Fastentuch zählt nach Aussage von Kunsthistorikern zu den bedeutendsten Exemplaren, als Textilarbeit vergleichbar dem Teppich von Bayeux.

Abenteuerlich klingt seine Überlieferungsgeschichte. Zweihundert Jahre lang zeigte das große Leinentuch die Fastenzeit in St. Johannis an. Im 19. Jahrhundert wurde es als Zeugnis mittelalterlicher Religiosität und Kunstfertigkeit im Museum des Altertumsvereins in Dresden ausgestellt. 1876 kehrte es nach Zittau zurück. Einglücklicher Umstand, denn das Dresdner Museum brannte im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges aus, während die Zittauer das Kunstwerk in einem bombensicheren Keller auf der nahen Burg Oybin in Sicherheit brachten. Hier fanden es russische Soldaten. Zerschnitten diente es ihnen als Dampfsperre in einem provisorischen Dampfbad im Wald. Als sie abrückten, ließen sie die Stoffteile liegen, die ein alter Mann beim Holzsammeln entdeckte. Doch das offizielle Interesse an diesem Kunstwerk war zu DDR-Zeiten gering. Erst nach der Wende engagierten sich Kunstbegeisterte. Aufgrund der überragenden kunstgeschichtlichen Bedeutung übernahm die schweizerische Abegg-Stiftung in Riggisberg bei Bern die unentgeltliche Restaurierung. Seit 1999 ist das 6,80 Meter breite und 8,20 Meter lange Tuch im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz zu bestaunen.

 

Das Kleine Zittauer Fastentuch wurde erst 1573 als zweites Fastentuch für die nun evangelische Hauptkirche St. Johannis gefertigt. 99 Jahre lang genutzt, ging es Mitte des 19. Jahrhunderts in den Bestand des Stadtmuseums über, wo es regelmäßig bis in die späten 1960er-Jahre, dann aus konservatorischen Gründen nur noch zu besonderen Anlässen, gezeigt wurde. Ebenfalls von der Textilrestaurierungswerkstatt der Abegg-Stiftung gereinigt, entfaltet es im klösterlichen Ambiente des Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster heute eine faszinierende Wirkung auf die Besucher.

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